Newsletter Ausgabe 33

Meldung vom Mittwoch, 31. Dezember 2014

  • Aus der Forschung
    • Eine Wirksamkeitsüberprüfung von Aeromedical Crisis Resource Management Interventionen für Notärzte/in­nen (von Vera Hagemann)
    • Leitung visueller Aufmerksamkeit als dynamischer Job Performance Aid in der Steuerung und Überwachung technischer Systeme- Ergebnisse einer Vorstudie (von Benjamin Weyers, Kathrin Bischof, Barbara Frank und Annette Kluge)

 

Liebe Leserin, Lieber Leser, aus verschiedenen Rückmeldungen habe ich entnommen, dass das Juni-Editorial über meine Bahnerlebnisse besonderen Anklang gefunden hat. Ich muss dazu sagen, dass ich in der Zwischenzeit sehr häufig sehr pünktlich von der Bahn transportiert wurde, auch wenn das „Fahrgastrechteformular“ (mit dem man/frau bei einer Verspätung von über 60 min einen Teil des Ticketpreises wieder erstattet bekommt) doch auch ein treuer Begleiter bleibt. Ich bin allerdings auch der festen Überzeugung, dass es die Bahn mit den Aspekten der Komplexität wirklich im deutlichen Ausmaß zu tun hat, auch und vor allem weil man eben auf einer Bahnschiene fahren muss. Man kann nicht an einer Baustelle so eben vorbeifahren, oder drumherum fliegen. Bahnschienen bieten eben auch weniger Möglichkeiten von Alternativrouten als Weltmeere. Zusätzlich ist ein wesentliches Merkmal von Komplexität die Emergenz, d.h. es passieren und entwickeln sich Dinge, die man nicht vorhersehen konnte. Das ist der Unterschied zwischen kompliziert und komplex. Viele Dinge und Prozesse sind kompliziert, aber nicht komplex, weil sich in ihnen keine Eigendynamik entwickelt. Das Wetter ist ein Aspekt von Eigendynamik, und auch der Wunsch von Personen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Man kann diesen emergenten Phänomenen begegnen, in dem man sog. „Organisational Slack“ vorhält, grob in etwa übersetzbar mit „Puffer“, „Polster“ oder zusätzlichen zeitlichen Kapazitäten, um eben genau solchen Phänomenen der Eigendynamik, die eine Adaptation an nicht geplante Ereignisse ermöglichen. Der organisational Slack wurde aber in vielen Unternehmen im Zuge der Lean Produktion und des Lean Management „abgesaugt“ wie überschüssiges Fett, was nur eine Belastung darstellt, aber keinen Mehrwert. Aber wenn alles „auf Kante genäht“ ist, können eben kleine unvorhergesehene Ereignisse ein eng gekoppeltes System wie den Schienenverkehr ziemlich durcheinander bringen. Noch eine kurze Anekdote: Ich fuhr mit der Bahn von Süddeutschland nach Bochum. In Ulm hatte der Anschluss-ICE zu nächst 35 min Verspätung. Er kam dann nach 45 min. Als sich alle mit ihren Wintermänteln und dem Wintergepäck, den Kinderwagen und Kleinkindern gerade in die Abteile verteilt hatten, kam die Durchsage, dass der technische Defekt, weswegen der Zug die Verspätung hatte, nicht behoben werden kann. Wir mögen bitte alle aussteigen und den nächsten ICE in ca. 30 min nehmen. Es mussten dann alle Kleinkinder und Babies wieder in ihren Winterjacken und Kinderwagen verpackt werden und ca. 300 Personen wechselten den Bahnsteig. Um nach Bochum zu kommen musste ich nun mit den meisten der Kinder im Kinderwagen in Mannheim in einen anderen ICE umsteigen. Weil ja jetzt viel mehr Leute in Stuttgart ein und ausstiegen war fraglich, ob der ICE Stuttgart so pünktlich verlässt, dass der Anschluss ICE in Mannheim noch wartet. Der Mannheimer Anschluss ICE wartete und alle sprangen in die gegenüberliegenden Zugteile mit den 30er Nummern. Es kam dann die Durchsage, dass aufgrund eines technischen Defekt der Zugteil mit den Nummer 30 nur bis Frankfurt fährt und dort abgekoppelt wird, wer also z.B. nach Bochum wolle müsse bitte aus dem Zugteil raus und in die 20er Nummern umsteigen. Ein schwacher Trost war, dass auch der Lokführer umsteigen musste, denn der Zugteil mit den 30er Nummern konnte ja nicht mehr fahren, was bedeutete, dass wir in der anderen Richtung aus dem Mannheimer Hbf herausfahren mussten, was natürlich zu mehreren Minuten Verspätung führte. Die Personen, die dann in Frankfurt zustiegen, in den nun noch verbleibenden Zugteil mit den 20er Nummern, waren nicht sehr amüsiert, denn in dem Zugteil saßen ja mittlerweile schon die Fahrgäste aus insgesamt zwei ICEs. Ich bin aber dann tatsächlich noch in Bochum angekommen und habe während der Fahrt schon einmal das Fahrgastrechte-Formular ausgefüllt. Ab und zu denke ich darüber nach, ob mein Verzicht auf die Fahrgastrechte ggf. den organisational Slack erhöhen könnte, denn dann hätte die Bahn das Geld, was sie mir nicht zurückzahlen müsste als Puffer. Ich habe allerdings doch die starke Vermutung, dass meine 22.50 EUR das grundsätzliche Problem der Ressourcen-Polster nicht beheben können. In diesem Sinne, sollten wir uns über die Feiertage ein paar Polster zulegen...

Newsletter Ausgabe 33